Wir streben eine befreite Gesellschaft an und die gibt es nicht ohne die Befreiung der Frau*!

Unsere Rede auf der Demo zum Frauenkampftag am 8.März

Der internationale FrauenTag – oder FrauenKampftag, wie wir ihn lieber nennen -findet heute zum 100sten Mal statt. Warum ist es denn immer noch notwendig, dass wir hier stehen? Die Forderungen des letzten Jahrhunderts, zum Beispiel nach einem Wahlrecht für Frauen, nach Berufswahl und Arbeitsvertrag unabhängig vom Ehemann und nach gesetzlicher Verankerung von Gleichberechtigung sind doch längst umgesetzt? Vieles hat sich seit damals Dank des unermüdlichen Kampfes von Feminist:innen gebessert. Vieles läuft aber immer noch völlig schief. Wer behauptet, die Gleichberechtigung der Geschlechter wäre erreicht, wenn es kaum noch gesetzliche Grundlagen für die Diskriminierung von Frauen gibt, ignoriert, dass eine Gesellschaft über Strukturen und Handlungen funktioniert. Erwartungen an uns als Frauen* bezüglich Familie, Berufswahl, oder Verhalten bestimmen unseren Alltag, den Umgang anderer mit uns und unser Bild von uns selbst. Gewalterfahrungen sind immer noch Alltag, weil die Tatsache, dass unsere Körper uns gehören, kein gesellschaftlicher Konsens ist.
Hinter diesen gesellschaftlichen Erwartungen und Erfahrungen stehen häufig Vorstellungen einer Natur der Frau*, dass die Sorge um Nachwuchs in ihrer Genetik verankert liegt und ähnlicher Blödsinn. Entsprechend dazu gibt es immer noch das Bild des starken Mannes, das im schlimmsten Fall zu einem Femizid führt. Hier in Deutschland wird jeden 3. Tag eine Frau durch ihren Partner oder Ex-Partner getötet, weltweit sind es 137 Morde an Frauen aufgrund ihres Geschlechts jeden Tag. Das Patriarchat schränkt also nicht nur unsere Lebensweise ein, es tötet.

Während Frauenbewegungen weltweit dieses Töten ganz klar vor Augen haben, wählte die UN zum Frauentag in diesem Jahr hingegen das Motto: „Frauen in Führungspositionen: Für eine ebenbürtige Zukunft in einer COVID-19-Welt“. Die UN hat richtig erkannt, dass die Aufgabenlast von Frauen während der CoronaPandemie nochmals gestiegen ist. Wir als Anarchist:innen haben jedoch eine andere Analyse. Frauen in Führungspositionen bringen uns ohne einen Systemwandel auch nicht weiter. Denn das System Kapitalismus kann nicht ohne Ausbeutung und Unterdrückung funktionieren. Zudem lehnen wir Macht und Herrschaft ab. Wir stehen für Selbstorganisation in allen Gesellschaftsbereichen, damit jede selbst ihr Leben gestalten kann. Weder eine Kanzlerin Merkel noch eine Gleichstellungsbeauftragte bringen uns Frauen* einen Schritt weiter hin zu einer freien und emanzipatorischen Gesellschaftsform. Die patriarchale und kapitalistische Herrschaft wird so nur mit einem weiblichen Antlitz versehen. Doch Herrschaft und Ausbeutung ändern ihren Schrecken nicht, wenn sie plötzlich von Frauen ausgeübt werden. Gerade für Arbeiterinnen und arme Frauen wird sich durch Frauen in Führungspositionen nichts verbessern. Denn im Kapitalismus ist es notwendig, dass Dinge wie Kinder großziehen, Kochen, Putzen, Pflege alter Menschen oder emotionale Sorgearbeit gar nicht oder schlecht bezahlt sind. Frauen mit wenig Geld erledigen diese Tätigkeiten selbst. Frauen mit Geld, z. B. solche in Führungspositionen, bezahlen oft migrantische Arbeiterinnen dafür, die wiederum niemanden dafür bezahlen können und diese Arbeiten selbst erledigen müssen. Die sogenannte “Doppelbelastung” wird also nur entlang finanzieller und nationaler Linien verschoben. Der bürgerliche Feminismus beschäftigt sich damit nicht, denn er müsste dann ja die kapitalistischen Produktionsverhältnisse in den Blick nehmen. Wenn wir einen konsequenten Feminismus für alle Frauen auf der Welt wollen, müssen wir deshalb einen linksradikalen Feminismus wä
hlen und die Veränderungen als linke Frauen selbst anpacken: Selbstbewusst, kämpferisch, solidarisch und internationalistisch.
Wir werden uns daher nicht mit bürgerlichen Forderungen nach Frauen in Führungspositionen, Frauenquoten oder anderen kleinen Rechten zufrieden geben. Wir müssen gemeinsam gegen Gewalt, Diskriminierung, Sexismus und rückständige Geschlechterbilder kämpfen. Das tut niemand für uns, dazu müssen wir uns mit den Frauenkämpfen überall auf der Welt verbinden und klarmachen, dass wir es ernst meinen. Nicht nur am FrauenKampftag, sondern jeden Tag. Wir streben eine befreite Gesellschaft an und die gibt es nicht ohne die Befreiung der Frau*!

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